Irene Militscher
Fotografie.
© Jüdische Gemeinde Frankfurt.
Militscher, Irene Judith, geb. Glaser. Ehrenamtliche. Gemeinderatsmitglied der Jüdischen Gemeinde Ffm.
* 3.7.1898 Ostrowo/Provinz Posen, † 8.9.1976 Ffm.
Verheiratet mit dem Rechtsanwalt und Notar Alfons M. (1882-1971). Zwei Kinder: Arthur M. (1927-2014); Hanni M. (später verh. Cohen, 1929-2021), Krankenschwester.
Nach dem Ersten Weltkrieg zog M. mit ihrem Mann nach Breslau, wo die beiden Kinder geboren wurden. Beim Novemberpogrom 1938 wurde Alfons M. in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Anlässlich seiner Entlassung am 12. oder 15.12.1938 schlug ihn ein SA-Mann, wobei er sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog. Die Familie verließ Breslau im November 1939 und siedelte sich in Bat Jam im Süden von Tel Aviv im britischen Mandatsgebiet Palästina (seit 1948 Israel) an.
Alfons M. kehrte 1951 nach Deutschland zurück und ließ sich als Rechtsanwalt und Notar in Ffm. nieder. Irene M. folgte ein Jahr später. Von 1963 bis 1968 sowie von 1971 bis 1976 war M. Mitglied im Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Ffm. In mindestens vier Amtszeiten war sie Schriftführerin des Gemeinderats. M. war lange das einzige weibliche Mitglied dieses Gremiums; nur zeitweise gehörte dem Gemeinderat mit Stefanie Zweig (1932-2014; Gemeinderatsmitglied 1966-68) bzw. Ilsa Bechhofer (1926-2002; Gemeinderatsmitglied ab 1975) eine zweite Frau an. Ihren größten Wahlerfolg hatte M. im Jahr 1965, als sie mit 481 Stimmen auf Platz 5 landete. Nach den Gemeinderatswahlen im Januar 1971 wurde M. stellvertretendes Vorstandsmitglied und Referentin für das Altenheim. Ein besonderes Anliegen von M. war die Betreuung von älteren und kranken Gemeindemitgliedern.
M. regte 1966 die Gründung einer liberalen jüdischen Gruppe innerhalb der Ffter Einheitsgemeinde an. In einem Schreiben an die Ffter Gemeindemitglieder (Zentralarchiv zur Erforschung d. Geschichte d. Juden in Deutschland, Bestand B. 1/13, Nr. 316) gab sie der jüdischen Orthodoxie die Verantwortung für den Rückgang der Gottesdienstbesuche. Weiter heißt es in dem Schreiben, dass die Schaffung einer liberalen Gemeinschaft „die erste und wichtigste Voraussetzung für eine Rettung jüdischer Tradition“ sei. 1967 genehmigte der Vorstand unter Paul Arnsberg nach pedantischer Prüfung des Anliegens die Gründung der liberal-religiösen Gruppe. Auch der hessische Landes- und Ffter Gemeinderabbiner Isaak Emil Lichtigfeld erlaubte den liberalen Gottesdienst, allerdings unter zwei Auflagen: Im Gottesdienst dürfe kein Harmonium verwendet werden; Männer und Frauen müssten getrennt voneinander sitzen. Über die erste Auflage setzte sich die Gruppe um M. hinweg. Die Gottesdienste der liberalen Gruppe fanden zeitweise im Gemeindesaal im „Haus der Gemeinde“ im Baumweg 5-7 auf der Etage oberhalb des Betraums sowie im Kino „Die Kurbel“ im Philanthropin, Hebelstraße 15-19, und im „Grand Hotel“ in der Reineckstraße statt. Bekanntere Mitglieder der liberalen Gruppe waren Leopold Goldschmidt (1896-1987), Heinrich Guttmann (1892-1975) und Albert Hadda (1892-1975). Am 16.9.1967 veranstaltete die liberale Gruppe gemeinsam mit dem European Board of the World Union for Progressive Judaism einen Vortrag. Rabbiner Albert H. Friedlander (1927-2004), ein Schüler des berühmten deutschen Rabbiners Leo Baeck (1873-1956), referierte zum Thema „Das Judentum in unserer Zeit“. Zu den Hohen Feiertagen wurden regelmäßig bedeutende Persönlichkeiten eingeladen. Rabbiner Lothar Rothschild (1909-1974) aus St. Gallen (Schweiz) leitete die Gottesdienste an Rosch ha-Schana und Jom Kippur in den Jahren 1970, 1971 und 1973. Die Gebete trug jeweils Kantor Schlomo Lewin (1911-1980) aus Erlangen vor. Nach dem Tod von M. 1976 löste sich die liberale Gruppe auf.
M. war Mitglied im Komitee der Kinder- und Jugend-Aliyah und im Verband jüdischer Heimatvertriebener und Flüchtlinge.
Im Jahr 1994 gründete sich mit der Kehillah Chadaschah erneut eine liberal-religiöse Gruppe in Ffm. Sie wurde 1998 in Egalitärer Minjan umbenannt. Seit 2007 feiert die Gruppe um Rabbinerin Elisa Klapheck (* 1962) ihre Gottesdienste in der ehemaligen Wochentagssynagoge in der Westendsynagoge.
Nach dem Ersten Weltkrieg zog M. mit ihrem Mann nach Breslau, wo die beiden Kinder geboren wurden. Beim Novemberpogrom 1938 wurde Alfons M. in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Anlässlich seiner Entlassung am 12. oder 15.12.1938 schlug ihn ein SA-Mann, wobei er sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog. Die Familie verließ Breslau im November 1939 und siedelte sich in Bat Jam im Süden von Tel Aviv im britischen Mandatsgebiet Palästina (seit 1948 Israel) an.
Alfons M. kehrte 1951 nach Deutschland zurück und ließ sich als Rechtsanwalt und Notar in Ffm. nieder. Irene M. folgte ein Jahr später. Von 1963 bis 1968 sowie von 1971 bis 1976 war M. Mitglied im Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Ffm. In mindestens vier Amtszeiten war sie Schriftführerin des Gemeinderats. M. war lange das einzige weibliche Mitglied dieses Gremiums; nur zeitweise gehörte dem Gemeinderat mit Stefanie Zweig (1932-2014; Gemeinderatsmitglied 1966-68) bzw. Ilsa Bechhofer (1926-2002; Gemeinderatsmitglied ab 1975) eine zweite Frau an. Ihren größten Wahlerfolg hatte M. im Jahr 1965, als sie mit 481 Stimmen auf Platz 5 landete. Nach den Gemeinderatswahlen im Januar 1971 wurde M. stellvertretendes Vorstandsmitglied und Referentin für das Altenheim. Ein besonderes Anliegen von M. war die Betreuung von älteren und kranken Gemeindemitgliedern.
M. regte 1966 die Gründung einer liberalen jüdischen Gruppe innerhalb der Ffter Einheitsgemeinde an. In einem Schreiben an die Ffter Gemeindemitglieder (Zentralarchiv zur Erforschung d. Geschichte d. Juden in Deutschland, Bestand B. 1/13, Nr. 316) gab sie der jüdischen Orthodoxie die Verantwortung für den Rückgang der Gottesdienstbesuche. Weiter heißt es in dem Schreiben, dass die Schaffung einer liberalen Gemeinschaft „die erste und wichtigste Voraussetzung für eine Rettung jüdischer Tradition“ sei. 1967 genehmigte der Vorstand unter Paul Arnsberg nach pedantischer Prüfung des Anliegens die Gründung der liberal-religiösen Gruppe. Auch der hessische Landes- und Ffter Gemeinderabbiner Isaak Emil Lichtigfeld erlaubte den liberalen Gottesdienst, allerdings unter zwei Auflagen: Im Gottesdienst dürfe kein Harmonium verwendet werden; Männer und Frauen müssten getrennt voneinander sitzen. Über die erste Auflage setzte sich die Gruppe um M. hinweg. Die Gottesdienste der liberalen Gruppe fanden zeitweise im Gemeindesaal im „Haus der Gemeinde“ im Baumweg 5-7 auf der Etage oberhalb des Betraums sowie im Kino „Die Kurbel“ im Philanthropin, Hebelstraße 15-19, und im „Grand Hotel“ in der Reineckstraße statt. Bekanntere Mitglieder der liberalen Gruppe waren Leopold Goldschmidt (1896-1987), Heinrich Guttmann (1892-1975) und Albert Hadda (1892-1975). Am 16.9.1967 veranstaltete die liberale Gruppe gemeinsam mit dem European Board of the World Union for Progressive Judaism einen Vortrag. Rabbiner Albert H. Friedlander (1927-2004), ein Schüler des berühmten deutschen Rabbiners Leo Baeck (1873-1956), referierte zum Thema „Das Judentum in unserer Zeit“. Zu den Hohen Feiertagen wurden regelmäßig bedeutende Persönlichkeiten eingeladen. Rabbiner Lothar Rothschild (1909-1974) aus St. Gallen (Schweiz) leitete die Gottesdienste an Rosch ha-Schana und Jom Kippur in den Jahren 1970, 1971 und 1973. Die Gebete trug jeweils Kantor Schlomo Lewin (1911-1980) aus Erlangen vor. Nach dem Tod von M. 1976 löste sich die liberale Gruppe auf.
M. war Mitglied im Komitee der Kinder- und Jugend-Aliyah und im Verband jüdischer Heimatvertriebener und Flüchtlinge.
Im Jahr 1994 gründete sich mit der Kehillah Chadaschah erneut eine liberal-religiöse Gruppe in Ffm. Sie wurde 1998 in Egalitärer Minjan umbenannt. Seit 2007 feiert die Gruppe um Rabbinerin Elisa Klapheck (* 1962) ihre Gottesdienste in der ehemaligen Wochentagssynagoge in der Westendsynagoge.
Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Fedor Besseler.
Literatur:
Goschler, Constantin/Kauders, Anthony: Positionierungen. In: Brenner (Hg.): Geschichte d. Juden in Deutschland 2012, S. 295-378, hier S. 316.
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Navè Levinson, Pnina: Religiöse Richtungen und Entwicklungen in den Gemeinden. In: Brumlik u. a. (Hg.): Jüd. Leben in Deutschland seit 1945, S. 140-171, hier S. 142.
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Freimüller: Fft. u. die Juden 2020, S. 317f., 356-358, 360f., 400.
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Heuberger, Rachel: Das liberale Judentum in Ffm. In: Heuberger (Hg.): Westend-Synagoge 2010, S. 8-17, hier S. 17.
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Schilling, Laura: Irene Militscher. In: Jüd. Gemeinde Ffm. (Hg.): Auf Leben. 75 Jahre Jüd. Gemeinde Fft. 2024, S. 164f.
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Heuberger, Georg: Die Jüdische Gemeinde Ffm.: Anfänge, Gegenwart, Zukunft. In: Jüd. Museum Ffm. (Hg.): Jüd. Gemeinde Ffm. 1998, S. 18-30, hier S. 23.
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Korn, Salomon: Synagogen in Ffm. nach 1945. In: Jüd. Museum Ffm. (Hg.): Jüd. Gemeinde Ffm. 1998, S. 130-143, hier S. 136.
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Jüd. Museum Ffm. (Hg.): Jüd. Gemeinde Ffm. 1998, S. 221f.
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Krohn: Juden in Ffm. seit 1945, S. 165.
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Carlebach, Julius/Brämer, Andreas: Continuity or New Beginning? Isaac Emil Lichtigfeld, Rabbi in Ffm. and Hesse, 1954-1967. In: Leo Baeck Institute Yearbook 42 (1997), S. 275-302, hier S. 290.
Quellen:
Die religiös-liberalen Gottesdienste in Ffm. In: Allg. Wochenzeitung d. Juden in Deutschland 26 (1971), Nr. 42, 15.10.1971, S. 11 u. 15.
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Frau Irene Militscher zum 70. Geburtstag. In: Ffter Jüd. Gemeindeblatt 1 (1968), Nr. 7/8 (Juli/August 1968), S. 18.
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Militscher, Irene: Die Hohen Feiertage der Liberal-Religiösen Mitglieder in der Jüdischen Gemeinde Ffm. In: Ffter Jüd. Gemeindeblatt 3 (1970), Nr. 11/12 (November/Dezember 1970), S. 8.
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Irene Militscher. Zum 75. Geburtstag. In: Ffter Jüd. Gemeindeblatt 6 (1973), Nr. 2 (Juli/August 1973), S. 19.
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Zum Tode von Irene Militscher. In: Ffter Jüd. Gemeindeblatt 9 (1976), Nr. 2 (Rosch-Haschanah 1976), S. 33.
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Aus der liberalen Gruppe. In: Ffter jüd. Nachrichten 10 (1967), Nr. 30 (Oktober 1967), S. 11.
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HLA, Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Entschädigungsakten, Best. 518 Nr. 76648.
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ISG, S2/6.114.
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ISG, S2/4.838 (Alfons Militscher).
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Die neugegründete liberale Gruppe. In: Allgemeine jüd. Wochenzeitung ( Jüd. Allgemeine ) 22 (1967), Nr. 31, 27.10.1967, S. 11 u. 15.
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Landesarchiv Berlin, Best. Wiedergutmachungsämter von Berlin Geschäftsstelle 7, Sign. B Rep. 025-07 Nr. 378/61 (Verfahren Irene Militscher, Ffm., Fahrgasse 111-115, gegen das Deutsche Reich, 1961).
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Landesarchiv Berlin, Best. Wiedergutmachungsämter von Berlin Geschäftsstelle 7, Sign. B Rep. 025-07 Nr. 590/51 (Verfahren Irene Militscher, geb. Glaser, Tel Aviv, Israel, gegen das Deutsche Reich, 1951).
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Landesarchiv Berlin, Best. Wiedergutmachungsämter von Berlin Geschäftsstelle 7, Sign. B Rep. 025-07 Nr. 589/51 (Verfahren Irene Militscher, geb. Glaser, Tel Aviv, Israel, gegen das Deutsche Reich, 1951).
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Interview mit Irene Militscher. In: Regew 1966, Nr. 21 (September/Oktober 1966), o. S.
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Zentralarchiv zur Erforschung d. Geschichte d. Juden in Deutschland, Bestand B. 1/13, Nr. 316.
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Zentralarchiv zur Erforschung d. Geschichte d. Juden in Deutschland, Bestand B. 1/13, Nr. 696.
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Zentralarchiv zur Erforschung d. Geschichte d. Juden in Deutschland, Bestand B. 1/13, Nr. 1186.
GND: 1328721043 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).
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Empfohlene Zitierweise: Besseler, Fedor: Militscher, Irene. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/14416
Stand des Artikels: 7.1.2026
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 01.2026
Monatslieferung: Neuerscheinungen vom 10. Januar 2026.